Historisches

Langweilig, aber uninteressant – wie alles begann

Bescheiden fing’s an. In einer kalten Novemberwinternacht des Jahres 1975 beschlossen Frank, Thomas und ich, uns an einem der darauffolgenden Nachmittage sportlich zu betätigen. Wir einigten uns auf die Sportart Fußball, Treffpunkt Mittwoch Nachmittag, 14.00 Uhr, Ort des historischen Geschehens: der Sportplatz hinter’m »Henninger«. (Neu-Marburgern sei gesagt, dass sie diesen Platz heute vergebens suchen werden, er musste inzwischen einer Betonwüste weichen.) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was wir dort eigentlich den ganzen Nachmittag mit drei Leuten getrieben haben.

Ich weiß aber noch, dass der Platz hoffnungslos vereist war und dass es dort relativ große Tore aus variablen Eisen(?)-Stangen gab. Thomas hatte sein Equipement der Bedeutung des Ortes angepasst, schließlich ging es um nicht mehr und nicht weniger als um die Geburtsstunde einer der erfolgreichsten Freizeitfußballmannschaft Marburgs. (Ob ihm dies damals allerdings schon bewusst war, mag bezweifelt werden, denn außer unserer gemeinsamen Begeisterung für das runde Leder war noch nichts Bedeutendes in Sicht.) Thomas also hatte seine Schraubstollenschuhe an, was seiner Standfestigkeit auf dem eisigen Grund nicht gerade entgegenkam. So geschah es, dass er beim zeitweise durchgeführten Elfmeterschießen seine Falltechnik einübte, die ihn in späteren Jahren wie ein Markenzeichen verfolgte. (Dokumentiert in einem der viel zu wenigen Schmalfilme, die bei Frank zu betrachten sind, Öffnungszeit: immer, Eintritt: notwendige Begeisterung für die Sache.)

Im Laufe der Monate konnten noch weitere Protagonisten für den Fußball gewonnen werden. Erinnert sei hier an die Kollegen Heinrich Michel, Wolfgang Gelzhäuser oder Thomas Her. Jedenfalls hatten wir bald einen ersten »harten Kern« beisammen, der regelmäßig ab 12.00 Uhr bei Frank vor der Haustür, Weidenhäuserstr. 7, stand und um eine Portion Linseneintopf oder Nasi Goreng bettelte mit dem Versprechen, beim anschließenden Geholze nach Kräften mitzutun.

Wir hatten den Mittwoch ausgesucht, weil zu der Zeit keine Veranstaltungen an der Uni liefen, so dass niemand die Ausrede vorschieben konnte, er habe wegen irgendwelcher Veranstaltungen keine Zeit zum Kicken.
Wir hatten auch relativ früh einen »Gegner«, eine lockere Gruppe von ca. 6 Leuten, von denen ich heute nur noch weiß, dass einer Helmut und einer Udo hieß und dass diese der Ansicht waren, bei Sport-Dies dürfe nur mit Turnschuhen gespielt werden. Sie waren aber sehr nett und gaben uns -nolens volens- Vertrauen in die eigene Stärke.

Es wurde in den ersten zwei Jahren nicht nur am Henninger gespielt. Wir beherrschten ganz Marburg. Uns machte es auch nichts aus, erste eine halbe Stunde nach Cappel zu fahren, um uns dort auf dem Platz die Knie auf herumliegenden Steinen aufzuschlagen. Wir spielten auch an der Lahn in der Uferstraße gegen die 10-12-Jährigen, um unseren späteren Gegner bereits frühzeitig den notwendigen Respekt einzubläuen, von dem wir heute noch zehren.

Aber nach einiger Zeit war es eher peinlich, wenn einem die hoffnungsvollen Kleinkicker den Ball pausenlos durch die Hose spielten, so dass wir uns nach angemesseneren Gegnern umsahen. Diese ließen dann auch nicht auf sich warten.

Wie das bei einer anständigen Gründung so ist, gab’s auch bei uns Geburtswehen. Diese lagen nicht nur in der mangelnden Konzeption, sondern auch und zuerst im Arbeitsmaterial: dem Ball und den Schuhen. Letztere hatte ich noch aus dem Jahre 1967 hinübergerettet. Es handelte sich um die teuersten Adidas-Schuhe, die damals auf dem Markt waren und »Diamant« hießen. Sie waren das »Non plus ultra» an balltreterischer Fußbekleidung und wogen höchsten fünfmal so viel wie heutige Popelnoppenschuhe. Dafür hatten sie vorne in der Kappe eine Art Stahlbeschlag, der ausgezeichnet dazu verwendet werden konnte, schnelleren Gegnern zu zeigen, dass es sich für ihr Schienbein empfahl, besser langsamer zu treten.

Da zu einem perfekten Schuh auch ein eben solcher Ball gehört, hatte Frank keine Kosten und Mühen gescheut und bei Eduscho, oder so, eine blau-gelbe Kugel für ich glaube 14,50 DM zu erstehen, die sich nach einigen Spieltagen nicht nur durch ihre ovale Form, sondern nach Regen- und Schneespielen auch durch ihre kanonenkugelartige Härte auszeichnete. So gerüstet, hatten wir die besten Trainingsvoraussetzungen geschaffen, die in uns die Hoffnung keimen ließen, dass es eigentlich nur noch besser werden konnte.

Die 5 Juristen

historisches01_gIch mache jetzt zeitlich einen Sprung in das Jahr 1977, obwohl es sich auch lohnen würde, über unsere Aktivitäten in 1976 zu berichten. Wir spielten nämlich seit Mitte des Jahres relativ regelmäßig am Wehrdaer Weg, wobei sich unsere Spielweise primär durch eine gewisse Behäbigkeit auszeichnete, die aber -das sei zu unserer Ehrenrettung gesagt- von den Leuten ausging, gegen die wir damals spielten. Diese sahen nämlich im Fußballtreff eher eine Gelegenheit, den regelmäßig mitgenommenen Kasten Bier zu vertilgen, als sich der sportlichen Betätigung zu stellen, so wie wir.
Ernst wurde es dann aber an der Sport-Dies 1977. Unserer erster internationaler, offizieller Auftritt auf Marburger Sportbühne (wobei ich erwähnen muss, dass Thomas, damals schon ein »alter« Marburger, bereits bei früheren Turnieren mitgemischt hatte). Frank und ich hatten die Ehre mitmachen zu dürfen. Die Mannschaft nannte sich »Die fünf Juristen« und zu allem Überfluss bestand sie auch noch aus solchen. Dass wir dennoch unter die letzten 8 gelangten, war daher alles andere als erwartet, lag aber wohl überwiegend daran, dass mir nahezu während aller Spiele Gelegenheit gegeben wurde, mich fürs Endspiel zu schonen. Dass es dann zu einem dortigen Einsatz nicht mehr kam, war halt Pech.

Eine einmalige Regeländerung in jenem Jahr weckte damals in uns den unbezähmbaren Wunsch, einmal auf dem grünen Rasen des Uni-Stadions am Sport-Dies spielen zu dürfen. Üblicherweise wurden die Spieler der letzten 8 vor und nach 1977 stets im Uni-Stadion ausgetragen. Nur in dem Jahr, in dem »Die fünf Juristen« sich in diesem erlauchten Kreis hineingespielt hatten, kickte man das Viertelfinale auch auf den Maulwurfshügeln und Kuhfladen am Afföller aus. Erst die letzten 4 zogen dann in die Arena ein.
Wer weiß, vielleicht wurde damals der Grundstein gelegt für das, was sich in den darauffolgenden Jahren an Positivem ereignete und heute längst Legende geworden ist, die denen, die damals (noch) nicht dabei waren, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit heute aufgedrängt wird.

Axel Belz