Buch 5 (Lexikon)

Aufwärmen, das

Rhythmische, gymnastische, bisweilen auch läuferische Übungen, um den Muskelapparat auf die bevorstehenden sportlichen Belastungen vorzubereiten. Nach neueren medizinischen und physiotherapeutischen Erkenntnissen unbedingt notwendig, um sich optimal auf ein Match vorzubereiten.
Bei „Verliertnix“ konnte (kann?) man vor jedem Spiel feststellen, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Die allermeisten Verliertnix-Kicker scherten sich nämlich einen feuchten Kehrricht um diese gesicherten Erkenntnisse der medizinischen Abteilung. Entweder bolzten sie wild auf, über oder neben das Tor, standen mit vor der Brust verschränkten Armen, über irgendetwas nörgelnd – im politisch korrekten Sprachgebrauch: als aufgeklärte, kritische Menschen – irgendwo herum oder hüpften (Aufwärmorgie!) verhalten auf der Stelle. Fast alle. Nur Jochen B. und Reinold D. waren da aus gänzlich anderem Holz geschnitzt. Ihr Aufwärmprogramm (Dehnen, gute Gespräche, lange Läufe) war so intensiv, dass v.a. an warmen Tagen die anderen Spieler gar nicht anders konnten, als bereits beim Zuschauen zu schwitzen und sich zu verausgaben. Gerüchte, der Hawaii-Triathlon (Dehnübungen mit gleichzeitigem Baumknicken/Bananendauerkauen/Lachlaufen) sei auf diese Tradition zurückzuführen, halten sich hartnäckig.

Ball, der

Um ihn (sollte) sich im Fußball alles drehen, er ist – sozusagen – der archimedische Punkt, mit dem man die Welt aus den Angeln heben kann. Seine für dieses Ritual überragende Bedeutung lässt sich auch an der Vielzahl der (Kose)Namen ablesen, mit der man ihn gemeinhin belegt: Pille, Poke, das runde Leder, Ei, Kirsche…
Bei „Verliertnix“ war (ist) der Ball ausschließlich Chefsache. Will heißen: mit ¬ Sepp Herberger höchstpersönlich trudelte auch Seine Majestät der Ball an der Spielstätte ein, sorgsam gehegt und gepflegt in den Interregnumszeiten, in denen nicht gespielt wurde (also von Mittwochabend, 19.00 Uhr, bis Mittwochnachmittag, 12.00 Uhr). Die gegenständliche Unversehrtheit des Balles war oberste Maxime, was v.a. in der Gründungsphase, als noch auf den Lahnwiesen gekickt wurde, hieß: Ball in der Lahn, Spieler: marsch! In diesem Zeitraum hat sich „Lauf-Uli“ (bürgerlich: Ulrich von Muthesius)unsterbliche Meriten erworben. Seine ausgedehnten Sprints in und durch die Lahn sorgen heute noch für Anerkennung und Heiterkeit.
Verliertnixer wußten immer: Der Ball ist die Geliebte des wahren Fußballers: „Ich habe sie immer liebevoll behandelt. Denn wenn man sie nicht zärtlich behandelt, dann gehorcht sie auch nicht. Wenn sie zu mir kam, dann beherrschte ich sie, und sie gehorchte. Manchmal, wenn sie vorüberlief, sagte ich: ‚Komm, meine Kleine‘, und holte sie mir. Ich tätschelte sie mit dem Spann, mit dem Rist, und sie blieb gehorsam da. Ich behandelte sie genauso zärtlich wie meine eigene Frau. Ich liebte sie heiß und innig. Denn sie ist aus Feuer. Wenn du sie schlecht behandelst, bricht sie dir das Bein. Deshalb sage ich auch immer: ‚Jungs, passt auf, seid vorsichtig. Dies ist ein Mädchen, das man mit viel Liebe behandeln muss…‘ Je nachdem, wo man sie berührt, reagiert sie so oder so.“
Tja, diesen Worten des brasilianischen Zampanos Didi, aufgeschrieben von Roberto Moura, ist nichts mehr hinzuzufügen…

Bibliographie, die

Schriftenverzeichnis. Bis heute sind acht Arbeiten erschienen, die sich mit dem Phänomen „Verliertnix“ wissenschaftlich auseinandersetzen:
Heinz-Harald Menke: Flachpaß, Kurzpaß, Steilpaß. Die Spielkultur von „Verliertnix“ unter besonderer Berücksichtigung bio-mechanischer Parameter, in: Veröffentlichungen der Sporthochschule Köln, Heft 24, 1986.
Bernd Fischer: Kardiovaskuläre und endokrinologische Untersuchungen an ausgewählten „Verliertnix“-Fans unter realen Spielbedingungen, in: Deutsche medizinische Wochenschrift, Nr. 35, 1987.
Odo Marquard: Linksrum oder rechtsrum? Ethische Grundsatzentscheidungen und geschichtsphilosophische Kompensationsstrategien bei „Verliertnix“, in: Kontingenz und Inkontinenz. Essays, Reclam Verlag, Stuttgart 1989.
Sigrid Neuhaus, Die Herkunft des Namens „Verliertnix“. Ethymologisch-ethnologische Forschungen, in: Heimat. Zeitschrift für die gesamte Volkskunde, Jg. 107, 1990.
Marcel Reich-Ranicki: Die Verliertnix-Jahrbücher. Ein unterschlagenes Kapitel der deutschen Literaturgeschichte, in: FAZ, 19.10.1995.
Sebastian Schreiber: „Ich will auch mal den Ball“. Gruppendynamische Prozesse und Konkurrenzverhalten bei der Fußballgemeinschaft „Verliertnix“, Diss. Greifswald 1996.
Niklas Luhmann: „Verliertnix“ als System. Funktionale Differenzierung und Komplexitätsreduktion im Bereich des Freizeit-Fußballs, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
Doris Hamacher-Wilde: Dicke Schenkel, geile Trikots. Zum Verhältnis von Sex und Gender bei „Verliertnix“, in: Männerbilder – Frauenträume. Postfeministische Studien, Argument Verlag, Berlin 2000.

Blutgrätsche, die

Kompositum, meint das kompromisslose Hineinrutschen („Grätsche“) in den dribbelnden Gegenspieler mit dem Ziel, diesen – egal wie – vom Ball zu trennen. Dieser Absicht kommt also absolute Priorität zu. Bei Nebenwirkungen („Blut“) ist eher der Arzt denn der Apotheker zu fragen.
Die Blutgrätsche, als deren Erfinder Werner „Ich stoppe alle, egal wie“ Liebrich gilt, stellt in kämpferischer Hinsicht eine notwendige Ergänzung zu einer überwiegend technisch ausgerichteten Mannschaft dar. Im Traditionsteam von „Verliertnix“ wurde diese Technik v.a. von zwei Spielern perfektioniert: von Thomas ¬“Rautiainen“ Reuter („Ich hab‘ noch nicht mal vor mir selber Angst!“) und Axel „Donald“ Beltz („Wer schnell ist, ist schnell müde.“). Diese beiden sind immer auch ein guter Grund dafür gewesen, im „Verliertnix“-Trikot aufzulaufen: so konnten sie nie Gegenspieler sein.

Doping, das

Intravenöse, orale oder rektale Verabreichung leistungsförderender Substanzen ¬ Ernährung.

Erfolg, der

„Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, trägt sie an der falschen Stelle.“ Hat – als Vater aller Trainer – einmal Mao Tse Tung so gesagt – und Verliertnix hat sich an diese Vorgabe gehalten. Gnadenlos. Das Team war gleichsam ausgestattet mit der Lizenz zum Siegen. Und also wurde gesiegt. Turniere gewonnen und Pokale dazu. Einer größer als der andere. Und auch hässlicher…
In der Sprache der Statistik nimmt sich das so aus: an 92 Turnieren teilgenommen, davon erfolgreich in 62 Fällen. Erfolge, die um so höher zu bewerten sind, als sie auch unter härtesten und schwierigsten Bedingungen erreicht wurden: ob bereits bierselig im Elfmeterschießen von Stadt Allendorf oder durch Verletzungen gehandicapt wie … (Datum/ Ereignis einfügen). „Verliertnix“ machte seinem Namen alle Ehre.

Ernährung, die

Wichtige physische Voraussetzung für die Durchführung eines Fußballspiels, denn: „mens sana in corpore sano.“ Im Profibereich häufig in enger Verbindung zu gemessenen Lactatwerten.
Glücklicherweise gab es bei „Verliertnix“ keinen ökotrophologischen Fünfjahresplan, der dann für jeden zur verbindlichen Alltagsmaxime hätte werden müssen. Kein Verliertnix-Kicker musste seinen Körper am Turniertag durch ein Zehnkornzementbrot stählen, ganz im Gegenteil: individuelle Ernährungsvorstellungen wurden – wenn auch teilweise belächelt – stets toleriert. So glaubten z.B. einige Gesundheitsfanatiker, sich mit Obstschnitten (egal, welcher Art) und Früchteriegeln besonders gut auf die seelischen und körperlichen Belastungen des Kickens einstellen zu können. Andererseits gab es aber auch die Minimalisten, die während eines Turniertages lediglich für einen Ausgleich ihres Flüssigkeitsverlustes nach dem Motto sorgten: „Das Bisschen, das ich nicht esse, kann ich auch trinken“ ¬ Doping.
Aber – und in diesem Punkt hat sich „Verliertnix“, zumindest nach Kenntnis des Chronisten, immer eindrucksvoll von vielen anderen Fußballmannschaften unterschieden: „No Alkohol“ – während des laufenden Wettkampfes…

Fahne, die

Hoheitszeichen einer autonomen Macht, identitätsstiftendes Symbol, dient zur Abgrenzung von anderen Fußballstämmen und, wenn sie von den Fans geschwungen wird, zur Anfeuerung der eigenen Stammesangehörigen.
Bevor die traditionelle „Verliertnix“-Fahne – zumeist im übrigen freiwillig geschwungen von den weiblichen ¬ Fans – sich in zu vielen zahlreichen Schlachten bewähren konnte, hat sie Reinold D. in des Wortes Bedeutung „geknickt“. Und das kam so. Auf der Rückfahrt vom Turnier in Stadt Allendorf brach bei unserem bärtigen Psychologen das ansonsten mühsam gebändigte ausländische Temperament durch. Er wollte der Natur, den Passanten, einfach allen zeigen, welche tollen Truppe da zum Turniersieg getaumelt ist. Er schnappte sich die gerade neu genähte Vereinsfahne, kurbelte das Seitenfenster herunter, hängte seinen Oberkörper aus dem Fenster, die Fahne ebenso – und hatte nicht mit dem Fahrtwind gerechnet. Reinolds Locken wehten im Wind, die Fahne knarrte und knatterte. Und plötzlich machte es „Bumm“ – und die große Verliertnixfahne hätte man nun als Ständer einer Isetta benutzen können. Der Fahnenstock: mittendurch. Aber so sind eben unsere Spieler: bis zur Selbstaufgabe enthusiastisch, wenn sie einmal ihren Gefühlen nachgeben können…
Vermutungen, er habe damit einer möglicherweise zu befürchtenden Martialisierung der „FSG“ entgegenwirken wollen, hat Reinold D. stets als bösartige Verleumdung zurückgewiesen. Nicht dementiert hat er dagegen, dass er den Rest der Fahrt „Blut und Wasser geschwitzt“ habe, denn: „Wie sag‘ ich’s bloß dem Frank?“

Fans, die

Anhänger einer Pop-Gruppe, eines Filmstars, eines Sportlers, einer Mannschaft. Zeichnen sich durch unbedingte Verehrung und leidenschaftliche Hingabe aus.
Bei „Verliertnix“ waren die Fans in der Mehrzahl weiblichen Geschlechts. Deshalb muß das Team in kultursoziologischer Perspektive als klassische Boy-Group gelten, auch wenn sich manche Spieler bereits dem Renten-Alter nähern. Doch über biologische Äußerlichkeiten triumphiert die weibliche Intuition, daß in jedem „Verliertnix“-Spieler ein höchstens 15jähriger Junge steckt. Langjährige Feldforschungen (¬ Bibliographie) haben dabei ergeben, dass der idealtypische weibliche „Verliertnix“-Fan eine Reihe von wertvollsten Eigenschaften und Fähigkeiten besitzt:
1) körperliche Robustheit, um in der Lage zu sein, bei ¬ Wind & Wetter am Spielfeldrand auszuharren, die ¬ Fahne zu schwenken und die eigene Mannschaft stundenlang anzufeuern.
2) unbegrenzte Leidensfähigkeit, um grauenhafte Spiele und die Strapazen ihrer ausführlichen Analyse in der dritten ¬ Halbzeit ertragen zu können;
3) kritisches Engagement, um die meist unfaire Spielweise des ¬ Gegners anzuprangern und Fehlentscheidungen des Schiedsrichters schonungslos offen zu legen;
4) gesunde Härte, um sich nicht beeindrucken zu lassen, wenn der Ehemann oder Lebensgefährte, scheinbar verletzt, vom Platz humpelt und selbstmitleidig um Zuwendung bettelt.
Der weibliche „Verliertnix“-Fan darf sich somit zugute halten, über eine einzigartige physische und psychische Konstitution zu verfügen, wie sie sonst nur Alpinistinnen oder Kanalschwimmerinnen abverlangt wird.

Gegner, die

„Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft“ (Jean-Paul Sartre): Nie bewahrheitete sich diese Einsicht mehr als bei „Verliertnix“. Da man daran gewöhnt war, jeden ¬ Mittwoch unter sich zu spielen und die Kunst des gepflegten Passes zu kultivieren, kam bei Turnieren der gegnerischen Mannschaft prinzipiell die Rolle eines Störenfriedes zu, der die Unverschämtheit besaß, das elegante Spiel von „Verliertnix“ gelegentlich zu unterbinden, sich frecherweise in den Besitz des ¬ Balls zu bringen, aufs ¬ Tor zu schießen und – horrible dictu – sogar zu treffen. Daß gegnerische Mannschaften Spielverderber waren, ließ sich schon daran erkennen, daß sie Namen wie „Schädelharrys Blutgrätsche“, „Fox Tönende Knochenschau“ oder „Juventus Urin“ trugen und damit unmißständlich ihre Absicht kund taten, das heitere und friedvolle Miteinander von „Verliertnix“ zu unterminieren. Doch die Mannschaft wußte sich zu helfen, indem eigenen Spielern mittwochs die (undankbare) Aufgabe zugewiesen wurde, den Gegner und damit den Ernstfall zu simulieren ( ¬ Blutgrätsche) und so die Kameraden selbstlos auf kommende Auseinandersetzungen vorzubereiten.

Halbzeit, die

ein Greuel für Mathematiker, gibt es doch beim Fußball mindestens drei Halbzeiten (meistens vier)
a) die erste Halbzeit

b) die Halbzeit

c) die zweite Halbzeit

d) die zweite Halbzeit der Halbzeit

Während a) spielt das Team von links nach rechts;
während b) wird das Team von Sepp Herberger fertiggemacht;
während c) spielt das Team von rechts nach links;
d) schließt sich sehr häufig an c) an, dabei geht es dann häufig um zwei Dinge. Zum einen wird dann – z.T. auf sehr sublime Art und Weise – Sepp Herberger vom Team fertiggemacht, wobei diesen hochsensiblen Taktiker mitunter auch einfachste Fragen oder Hinweise völlig aus der Fassung bringen („Frank, warum hast du denn den Ball nicht einfach reingeschossen?“) Oder: Fall 2, im Falle einer Niederlage wird dann in d) das Spiel bei einer gnadenlos gründlichen Analyse endgültig gewonnen.
Und wenn auch das nicht möglich scheint, berauschen wir uns an früheren Erfolgen – was dann spätestens am frühen Morgen in der alten Sepp-Herberger-Weisheit gipfelt: „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel.“ Und im Verlauf von d) lief dann Verliertnix auch immer zu großer musikalischer Form auf. Leider existiert nach Kenntnis des Chronisten kein offizieller Mitschnitt der damaligen Akkordeon – Sessions. Aber vielleicht gibt es ja irgendwo eine bootleged – version…

Herberger, Sepp

*28.03.1897, dt. Diplomsportlehrer, spielte zwischen 1921 – 1925 dreimal in der dt. Fußballnationalmannschaft; 1949 – 1964 Bundestrainer des DFB; gewann mit der Mannschaft 1954 die Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz.
Alias-Name des Teamchefs Frank Meik; Ähnlichkeiten im Vorgehen und Habitus beider Persönlichkeiten drängen sich gleichsam auf, wir zitieren aus der ‚Freien Presse‘ (Bielefeld) vom 16-07.1954: „Wenn je ein Phönix aus der Asche stieg, wenn je ein Gerechter auffuhr aus dem Orkus schnöder Verachtung ins Licht der Ehre – sein Name war Herberger, der sanfteste Tyrann.“
Wenn uns die Figur des Teamchefs einmal genauer, mehr aus der Nähe ansehen, dann ……
Wird (und wurde) im Prinzip nicht ausgeübt. In der „FSG-Verliertnix“ ist es immer jedem und zu jeder Zeit möglich gewesen, seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen – was hätte sich aus dem freien Flug der Gedanken dann…..Es besteht die Gefahr, dass hier völlig unsachlich Sachverhalte von Leuten, die aufgrund fehlender Kompetenz und/oder Empathie das große Ganze nicht überblicken, missverständlich und verzerrt widergegeben werden. So kann ein falscher Eindruck entstehen. Fakt ist: Da sich bei „Verliertnix“ immer alle einig über die Richtigkeit dessen waren, was der Teamchef – als Inkarnation des Teamgeistes – immer so trefflich auf den Punkt brachte, egal, ob es sich um mannschaftsauf-stellungen, Taktik oder Festivitäten handelte, gab es einfach keinen alternativen Denk- und Diskussionsbedarf. BASTA. So: Und jetzt noch einmal alle: Da es sich…

International

Neuerer Fachbegriff, ursprünglich aus der politischen Szene, umgangssprachlich häufig mit „multi-kulti“ übersetzt, Bezeichnet im Fußball den Sachverhalt, dass auch Mannschaften Grenzen überschreiten und zur Versöhnung von Nationen beitragen können, die sich ansonsten traditionelle eher „feindlich“ oder zumindest distanziert gegenüberstehen.
Die Auflösung des traditionellen Blockdenkens lässt sich bei Verliertnix auf zwei Ebenen verfolgen: Zum einen wirkte die Mannschaft fakultäts- und fachbereichsübergreifend. Linke Spontis oder Dogmatiker (vulgo: Psychologen und Germanisten z.B.) verteidigten und stürmten neben Neoliberalen und Konservativen (Chemiker und Juristen) – und die Theologen waren auch schon da. Alle geeint durch Spiel und Spaß ums runde Leder.
Andererseits weist die Ahnengalerie von „Verliertnix“ auch eine Reihe ausländischer Jugendnationalspieler und U16-Kicker auf, wie man der Statistik unschwer entnehmen kann. Ab Del Kadi aus … und Waldemar „Vielleicht“…. aus Polen sind nur zwei besonders markante Beispiele für die Weltoffenheit von „Verliertnix“.

Kleinfeld, das

Im sportlichen Sinn zunächst ein verkleinertes Spielfeld, dessen Größe variiert, ebenso wie die Mannschaftsstärke. Im klassischen Fall beträgt die Spielerzahl 4 + 1 (Feldspieler/Torwart), die Maße entsprechen in etwa denen eines Hallenhandballfeldes. Kleinfeldfußball ist also eigentlich Hallenfußball im Freien.
Das Kleinfeld war das „Wohnzimmer“ von Verliertnix. Von Boris Becker ist der Spruch überliefert, der Centre Court Nr. 1 in Wimbledon sei sein „Wohnzimmer.“ Wahrscheinlich hat er „Verliertnix“ Ende der siebziger Jahre einmal auf einem Kleinfeldturnier spielen gesehen – und sich sofort dort ebenso zuhause gefühlt wie die Spieler von „Verliertnix“. Möglicherweise gibt es Mannschaften, die erfolgreicher sind als „Verliertnix“. Und es mag sein, dass andere Stadien und Spielplätze mehr Eindruck auf den Zuschauer machen und eine größere Aura ausstrahlen. Aber: nicht auf dem Kleinfeld. Das Kleinfeld und „Verliertnix“ – das gehört einfach zusammen wie Hamburg & HSV, Fußball & Wembley, Laurel & Hardy.
Wenn man nur an den legendären Gewinn der Sport-Dies im Jahr 1978 zurückdenkt, hat man dies exemplarisch vor Augen: zuerst kämpfte und spielte „Verliertnix“ alles auf dem Wehrdaer Acker in Grund und Boden, um dann im Marburger Unistadion Rasenschach zu zelebrieren. Aber: jedesmal auf dem Kleinfeld. Eben!

Lattenschuss, der

1. eine Situation während eines Fußballmatchs, welche die Spieler nach Möglichkeit zu vermeiden suchen, ist eine solche doch recht gefährlich. Was glauben Sie, warum die Fußballer, wenn sie bei einem Freistoß eine Mauer bilden, sich dabei beide Hände fest vor den Unterleib halten? – Eben, um den Lattenschuss zu vermeiden!

2. Im Verlauf der Verliertnix – Geschichte sind damit leider auch Situationen verbunden, in denen das Team arg gebeutelt wurde, nur weil jemand den Ball an die Latte genagelt hatte – und somit leider keinen gültigen Treffer für seine Farben zu erzielen vermochte. Als besondere Schicksalsschläge wurden dabei folgende Lattenknaller empfunden: So z.B. im Halbfinale des Marburger Turniers 1984, als ein Minute vor Schluß die Latte verhinderte, daß man ins Finale einzog oder der zweifache Lattentreffer im Halbfinale der sport – dies 1991, als das Team nur auf ein Tor spielte, um den Siegtreffer zu erzielen und dann bei einem Schuß von der Mittellinie, der an die Unterkante der Latte und dann ins Tor ging mit 1:2 unterlag.
Aber: wie sagte schon Fritz Walter so treffend: „Heut‘ is so, un‘ morn is scho widdä anners…“ – so ist Fußball

Mittwoch, der

„Heiliger“ Tag, ritruell vergleichbar dem Sabbat im Judentum oder dem Sonntag im christlichen Glauben. An diesem Tag bestand am Nachmittag die Verpflichtung, sich zum Fußballspiel einzufinden, bei ¬ Wind & Wetter.
Als einmal Sepp ¬ Herberger während seiner Assistenzzeit am Juristischen Institut der Universität Marburg des Mittwochmittags, seine Arbeitsunterlagen sorgsam im Schreibtisch verstaut, seine Zimmerpflanze wohlwollend angeblickt, seine Aktenmappe unter den Arm geklemmt, sich gerade auf den Weg machen wollte, öffnete sich die Tür und der Ordinarius stand vor ihm. Erst stirnrunzelnd verwundert, klärte ihn ein Blick auf den Kalender auf: „Ach ja, Sie haben ja heute ihren heiligen Mittwoch.“ Wohl wahr, dem ist nichts hinzuzufügen.

Netz, das

Die hintere Öffnung des Fußballtores ist mit einem engmaschigen Netz fest verschlossen, damit der ¬ Torwart bei scharfen Schüssen nicht immer in die Zuschauer hineingeschleudert wird.
Dem Netz kommt im real existierenden Spielbetrieb der FSG Verliertnix eine ganz besondere Bedeutung zu: die Tatsache, dass diese Freizeittruppe ab einer bestimmten Zeit immer über transportable Tornetze verfügte und sich so jederzeit einen fashionablen Spielplatz bauen konnte, ließ sie zu den Aristokraten des Marburger Freizeitfußballs werden. Und obwohl diese Netzerei („mein Netz, dein Netz, unser Netz“) am Anfang bekrittelt oder belächelt wurde, war es nach kurzer Eingewöhnungsphase eine Selbstverständlichkeit, dass vor dem Kick zunächst einmal Torpflege angesagt war. Und, seien wir ehrlich, auch wenn der erste DFB-Präsident anno 1902 das Spiel so definiert hatte: „Das Runde muss ins Eckige“ – Spaß macht es eigentlich doch erst so richtig, wenn der Ball im Netz zappelt. Oder? Na also.

Philosophie, die

Gedankensystem oder Weltanschauung. Taugt gemeinhin nicht für bezahlte Kicker. Sie sollen statt von ihrem Verstand von ihren Füssen Gebrauch machen. Gerd Müller, bis heute unangefochtener Spitzenreiter der Ewigen Bundesliga-Torschützenliste, stellte hierzu definitiv fest: „Wenn’s denkst, ist’s eh zu spät.“
Doch das war nie die Devise von „Verliertnix“. Die Mannschaft hat sich immer auch als intellektuelle Elite verstanden und ist daher am ehesten mit dem sogenannten Studentenclub SC Freiburg zu vergleichen. „Vor lauter Philosophieren über Schopenhauer kommen wir gar nicht mehr zum Trainieren“, meinte der Freiburger Torwart Richard Golz.
Auch bei „Verliertnix“ gehörte ehrgeizigstes Philosophieren zur conditio sine qua non des Spielbetriebs, wie Odo Marquard gezeigt hat ( ¬ Bibliographie). Frühzeitig kristallisierten sich dabei verschiedene Fraktionen und Schulen heraus. Die einen skandierten mit Hegel „Das Ganze ist das Wahre“ und huldigten dem absolut vernünftigen Weltgeist in Gestalt des Team-Spirits. Die anderen schwörten auf Adornos Motto „Das Ganze ist das Unwahre“ und verinnerlichten die negative Metaphysik eines dezisionistischen Individualismus. Dritte – sie lassen sich als Verteidiger kategorisieren – hielten es eher mit Nietzsches „Was fällt, soll man auch noch stürzen“ und frönten dem Furor eines mitleidlosen Destruktivismus. Demgegenüber waren die Post-Freudianer in nahezu unlösbare Problemlagen verstrickt: Mochten sie auch unentwegt ihr Mantra „Wo Es war, soll Ich werden“ murmeln – sie fanden sich angesichts der übermächtigen Vaterfigur Sepp ¬ Herbergers zur ewigen Aufarbeitung ödipaler Konflikte verdammt (wobei natürlich der ¬ Ball die Stelle der Mutter, der Frau, der Geliebten besetzte).
Wenn gleichwohl, allen Flügel- und Schulkämpfen zum Trotz, ein halbwegs geordneter Spielbetrieb zustande kam, dann deshalb, weil es gelang, sich nach langen Diskussionen und regelmäßig veranstalteten Tagungen (dokumentiert in den Verliertnix-Jahrbüchern ¬ Bibliographie) auf einen Minimalkonsens zu verständigen und damit eine neo-kantianische Wende zu eröffnen: „Spiele so, dass die Maxime deines Spiels jederzeit als Maxime einer allgemeinen Spielordnung dienen kann“.

Platzverweis, der

Jedem interessierten Zuschauer wird bereits aufgefallen sein, dass der Schiedsrichter gelegentlich das Match unterbricht, um einem der Mitspieler seine Visitenkarte (gelb) zu überreichen. Hierbei handelt es sich in der Regel um eine reine Höflichkeitsgeste, die Schiedsrichter empfehlen sich so für ein anderes Spiel. Der Schiedsrichter von Welt allerdings führt gelbe und rote Karten mit sich. Der rote Karton bedeutet dann für den jeweiligen Spieler ein vorzeitiges Ende des Spieles, zumeist, weil sich der Schiedsrichter der Redegewalt des Spielers nicht gewachsen fühlt. In seltenen Fällen soll es auch vorgekommen sein, dass Spieler ihre Höflichkeit dem Gegenspieler gegenüber vergessen haben. In diesem Fall muss der Spieler vorzeitig vom Spielfeld, um im „Knigge“ nachzulesen, wie sich ein Sportsmann verhält.
In der gesamten Ära der FSG Verliertnix hat es bislang erst zweimal diesen legendären roten Karton gegeben – und das bei dieser Unzahl von Matches. Doch dem Chronisten bleibt die traurige Pflicht, die Namen zu nennen. Und – soviel vorweg: es begegnen uns keine Unbekannten: mit Thomas ¬ „Rautiainen“ Reuter und Axel „Donald“ Beltz hat es unsere herzlichen Rauhbeine getroffen, Abwehrspieler von altem Schrot und Korn. „An denen“, so das Gestöhne sämtlicher Marburger Außenstürmer, „kommt keiner vorbei. Jedenfalls nicht aufrecht.“ Sei’s drum – Fußball ist ja schließlich auch ein Männersport und keine Herummöllerei. Und es spricht ja irgendwie schon für die vorbildliche Einstellung, dass Thomas „Rautiainen“ Reuter nicht wegen brachialen Vorgehens oder grober Unsportlichkeit, sondern während des Turniers in Stadt Allendorf aufgrund von Kommunikationsproblemen mit dem Schiedsrichter vorzeitig zum Duschen geschickt wurde.
(Datum/Ereignis anfügen)

Pokal, der

Siegestrophäe, meist aus poliertem Metall. In seligen Vorzeiten durften sich die Sieger eines Fußballspiels noch mit den abgeschlagenen Köpfen der Unterlegenen schmücken. Dieser ehrwürdige Brauch verlor sich allerdings mit der fortschreitenden Zivilisierung auch dieses Sports. Heute trägt man als Siegespreis lediglich einen Pokal nach Hause. Allerdings ist es das Wesen des Pokals, häßlich zu sein. Selten wurde so viel Anstrengung und so viel menschlicher Erfindungsgeist darauf verschwendet, einen an sich schlichten Gegenstand mit martialischen Figurinen, schwülstigen Ornamenten und unleserlichen Gravuren zu verunstalten. Mag man auch dem Pokal einen gewissen symbolischen Wert nicht absprechen wollen, so schreit sein Design doch geradezu nach einer Verwendung als Vogeltränke, Aschenbecher oder Graburne für verdiente Spieler. Da unerklärliche Gründe diese sinnvolle Nutzung in der Regel verbieten, erfüllt sich die Bestimmung des Pokals darin, in einem Glasschrank zu stehen, anzulaufen und gelegentlich abgestaubt zu werden. In Anbetracht dessen wäre es daher für „Verliertnix“ gewiss klüger gewesen, die erreichten Final-Spiele freiwillig zu verlieren und so die Sieger mit dem Gewinn des Pokals zu bestrafen.

Rautiainen, dreifache, der

Kunst- und Kultfigur aus der Marburger Fußballszene. Wie die Bezeichnung schon andeutet, leitet sich diese von unserem allseits geschätzten knorrigen Abwehrspieler Thomas „Rautiainen“ Reuter ab. Und das kam so: Innerhalb kürzester Zeit räumte „Rautiainen“ in Rambo-Manier radikal ab.
Fall 1: Zusammenprall mit Tom Klein, beide wälzen sich am Boden, das berühmte Brüllen von „Rautiainen“, das stets signalisiert: eigentlich ist mir nichts passiert, aber ich wollte auch niemandem wehtun – Trümmerbruch bei Tom.

Fall 2: Zusammenprall mit Frank Meik, beide wälzen sich am Boden, das berühmte Brüllen (s.o.) – doppelter Zehenbruch bei Frank.
So ist Fußball, das kann eben passieren im Zweikampf, ist ja auch kein Hallenhalma.

Aber dann, Fall 3: Zweikampf mit Body Boddin, im Kampf um den Ball bleibt „Rautiainen“ in seiner unnachahmlichen Art („egal, wie oder wohin, Hauptsache: weg“) Sieger, Zusammenprall mit Burkhard, das berühmte Brüllen (s.o.) – das Kinn des Torwarts: aufgeschlitzt. Seitdem trägt Body Boddin einen Bart. The same procedure? Nicht ganz: beide spielten in einem Team!

So ist er eben: unser „Rautiainen“. Nicht wegzudenken aus der Teamgeschichte und nicht zu stoppen. Von nichts und niemandem – höchstens von einem „Begrenzungspfahl“ (sprich: Torpfosten). So geschehen am… (Datum/ Ereignis einfügen)

Regeln, die

Normalerweis hätte man erwartet, dass dieser Abschnitt „Spielregeln“ heißt und mit einigen Anekdoten aus den Anfängen des Fußballsports eingeleitet wird. So z.B. mit dem Hinweis auf die fundamentale Regel, die 1846 die Universität Cambridge aufstellte: „Die Fußtritte sind ausschließlich auf den Ball zu richten.“ Womit zielgerichtete Tritte gegen andere Spieler ein für allemal untersagt waren. Betrachten wir die Gründerjahre einmal genauer, dann lassen sich erstaunliche Parallelen zur frühen „Verliertnix“-Phase entdecken.
Zu Beginn waren weder die Anzahl der Spieler noch die Größe des Spielfeldes noch die Dauer des Spieles genau festgelegt. Auch hatte zunächst niemand eine besondere Position auf dem Platz: Alle rannten fröhlich hinter dem Ball her, jeder lief dorthin, wohin er wollte. Auch der Schiedsrichter ist eine relativ späte Erfindung – zunächst waren die Spieler ihre eigenen Schiedsrichter und belegten die Vergehen selbst mit Strafen. Nur – die Höhe der ¬ Tore, die war bei „Verliertnix“ schon eindeutig festgelegt. Und einen ¬ Torwart – erfunden 1871 in Schottland – hatte es bei der FSG natürlich auch von Anbeginn an: allein schon, damit jemand die Bälle aus dem ¬ Netz holen konnte. Leider werden heute die erzielten Tore nicht mehr mit kleinen Kerben am Pfosten markiert. Dabei hatte sich der Gerd Müller aus Marburg, der Vater aller Torjäger, ein Samurai-Schwert besorgt, um seine Torerfolge, kulturhistorisch versiert, verewigen zu können.

Spielplätze, die

Wir wählen ganz bewusst einen Hinweis des uruguayanischen Fußballenthusiasten Eduardo Galeano: „Sind Sie schon jemals in einem leeren Stadion gewesen? Machen Sie einmal die Probe. Stellen Sie sich mitten auf den Platz und lauschen Sie genau. Es gibt nichts Volleres als ein leeres Stadion. Es gibt nichts Lauteres als Ränge, auf denen niemand steht.“
Nun, diese Nagelprobe kann und konnte „Verliertnix“ natürlich auf allen Sportplätzen in Marburg und Umgebung – und allen Flächen, die sich irgendwie für dieses Spiel zu eignen schienen – machen. Ob das nun in den Anfängen der Henninger-Platz war, heute zubetoniert mit einem besonders eindrucksvoll-geschmacklosen Hochhauskomplex, das Geläuf auf den Lahnwiesen, die berüchtigten Plätze am Afföller früherer Zeiten, gespickt mit Maulwurfshügeln und dem Besten von der Kuh, der Platz am Weißen Stein – „Verliertnix“ spielte immer und überall. Und noch heute seufzen dieses Arenen voller Nostalgie von den schon lange vergangenen Zeiten. Man muss nur genau hinhören…

Tor, das

„Das Tor ist der Orgasmus des Fußballs.“ (Eduardo Galeano). Auch wenn es so sein mag, dass in der modernen Gesellschaft und ihrem Sport beide Phänomene immer seltener werden – für „Verliertnix“ galt immer das oben erwähnte Motto. Es hat hier zu allen Zeiten der Vereinsgeschichte immer so viele Tore gegeben, dass selbst der legendäre Heribert Zimmermann (genau, der aus dem WM-Endspiel 1954) schon längst kapituliert hätte, hätte er denn jedes, auch noch so unbedeutetendes Tor derart enthusiastisch kommentieren wollen. Dem geneigten Leser sei ein Blick in die bzw. ein Verweilen in der Statistik dringend empfohlen.

Torwart, der

Man nennt ihn auch Tormann, Keeper oder Goalie und dergleichen mehr – doch könnte er sich auch Märtyrer oder Watschenmann nennen lassen. Er ist, einsam und alleine, dazu verurteilt, dem Spiel zuzuschauen. Von weitem (meistens). Ohne die Torlinie verlassen zu können, wartet er zwischen den Pfosten auf seine Erschießung. Früher trug er schwarz – wie der Schiedsrichter. Heutzutage zieht sich auch der Schiedsrichter nicht mehr wie ein Rabe an – und auch der Torwart tröstet sich in phantasievollem Bunt über seine Einsamkeit hinweg.
Er schießt keine Tore, er ist dazu da, welche zu verhindern. Das Tor ist festlicher Höhepunkt des Fußballspiels: der Torschütze produziert Freude, der Torhüter, der Spielverderber, macht sie kaputt. Der Torwart hat immer die Schuld. Und wenn er sie einmal nicht hat, zahlt er trotzdem die Zeche. Wenn irgendeiner der Spieler einen Strafstoß verschuldet, ist er der Bestrafte: Dort steht er dann, seinem Henker überlassen, vor dem riesigen, leeren Netz. Natürlich werden aus dieser Situation auch die Helden geboren, die das Gesetz des Handelns umkehren und die Massen zur Verzückung bringen: der Italiener Toldo, der während der EM 2000 3 Elfmeter gegen die Holländer hielt, oder Burkhard „Body“ Boddin, der in Stadt Allendorf wie ein Tiger durch den Staub des Fünfmeterraums hechtete und – die Lederkugel abwehrend – den Kampf Mann gegen Mann gewann.
Aber dennoch: wenn die Mannschaft einen schlechten Tag hat, bezahlt er die Rechnung und sühnt im Hagel der Bälle die Sünden anderer. Die anderen Spieler können sich mal hier, ma da einen groben Fehler erlauben. Doch waschen sie sich durch ein spektakuläres Dribbling, einen meisterhaften Pass, einen gut platzierten Schuss wieder rein. Er dagegen nicht. Die Zuschauer verzeihen dem Torwart nichts. Mit einem einzigen Fehler verliert der Torwart ein Spiel oder sogar die ganze Meisterschaft – und dann vergisst das Publikum auf einmal all seine tollkühnen Kunststücke von früher und stößt ihn in die ewige Verdammnis. Zumindest bis zum nächsten Spiel…

Trikot, das

Sportliches Bekleidungsstück, das seinem Design und seiner farblichen Gestaltung nach die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Mannschaft signalisiert. Verwandt der Uniform. Bei „Verliertnix“ Objekt kultischer Verehrung, die schon fetischistische Züge besitzt.
Es soll vorgekommen sein, daß Spieler wochenlang in ihrem Trikot geschlafen haben, bis das zunehmende Müffeln die Lebensgefährtin aus dem gemeinsamen Schlafzimmer vertrieb. Andere wurde dabei beobachtet, wie sie über Stunden gedankenverloren ihr Trikot streichelten und dabei kleine, spitze Lustschreie ausstießen. Auch wurde nach Turnierspielen die schöne Sitte des Trikottauschs stets mißachtet, obwohl man sich dabei so manches hüsche T-Shirt mit dem Aufdruck einer lokalen Brauerei hätte einhandeln können. Doch ein aufrechter „Verliertnix“-Kämpe würde sich eher von seiner Fußballbilder-Sammlung trennen als von seinem Trikot. Zu lang, zu steinig war der Weg, den man zurücklegen mußte, um schließlich für würdig befunden zu werden, das „Verliertnix“-Trikot tragen zu dürfen – diesen Traum in Rot und Blau, dessen ganze Potenz sich in einem hymnischen Wort entlud: Geil! ( ¬ Bibliographie)
Doch mit dem bloßen Tragen jenes magischen Trikots allein war es nicht getan. Entscheidend war das Wie, der richtige Sitz. Darüber wachte mit Argus-Augen Sepp ¬ Herberger. Nicht das geringste Detail entging seinem gestrengen Blick. Kein Spieler durfte das Feld betreten, ohne daß sich der „Chef“ vom korrekten Sitz des Trikots überzeugt hatte: straff in die Hose eingesteckt, nicht wild herumflatternd. Und wehe, ein Spieler wurde mit herunter gerollten Stutzen erwischt! Ein sofortiger (Platz)Verweis war ihm gewiss.

Urlaub, der

Gemeinhin die „schönsten Wochen des Jahres“ genannt. Assoziationen wie „freie Zeit, faulenzen, Sonne, Süden, Strand, Erholung“ stellen sich automatisch ein. Aufgrund der Tatsache, dass Urlauber häufig auch Familienmenschen sind, liegt diese Zeit – ab einem bestimmten Alter von Kindern sowieso – immer in den Sommerferien.
Für einen Verliertnix-Kicker gestaltete sich dies allerdings nicht immer ganz so einfach. Da die Spieler in ganz Deutschland verstreut waren (und sind), erwies sich das Vereinbaren von Terminen, die allen in gleicher Weise gut passten, als ausgesprochen schwierig. Konsequenz: wenn das alljährliche Verliertnix-Treffen anstand und der „maximo lider“ rief, dann mussten alle, alle kommen. Egal, ob Ferien- oder Urlaubszeit, oder nicht. Von vorzeitiger Beendigung des Urlaubs, heulenden Kindern, kläffenden Hunden und Ehefrauen oder Partnerinnen, deren Blicke hätten auf der Stelle töten können, weiß der Chronist zu berichten. Heinrich Heine muss diese sich anbahnenden Familientragödien bereits vorausgeahnt haben: „Was schert mich Weib, was schert mich Kind?/Ich trag weit bessres Verlangen./Sollen sie heulen, wenn sie traurig sind/Ich muss zu Verliertnix gelangen.“

Verliertnix

Eigenname, der vermutlich aus dem Gebiet des vor-christlichen Gallien stammt. Runen-Inschriften zufolge, deren Entschlüsselung kürzlich gelang, war V. ein Fischhändler, dessen ganze Leidenschaft dem Wetten galt. Er soll sich und seine Familie damit ruiniert haben.
Als gesicherte Erkenntnis darf gelten (¬ Bibliographie), daß der Name V. um 1975 erneut auftauchte – als Bezeichnung einer kleineren Gruppe oder Gruppierung im Marburger Raum. Belege dafür finden sich in den noch erhaltenen Teilnehmer-Listen der sogenannten „Sport-Dies“. Es handelte sich dabei offenbar um eine Art Ballspiel, auch wenn dessen genaue Regularien nicht mehr rekonstruierbar sind. In der Folge wird der Name V. häufiger genannt in damaligen Presse-Erzeugnissen („Oberhessische Presse“), stets in Verbindung mit turnierähnlichen Veranstaltungen; eine genaue Auswertung der entsprechende Archive steht jedoch noch aus. Erhalten hat sich auch eine hektographierte Chronik, die auf dem Vorsatzblatt den Titel „Verliertnix“ trägt. Leider haben Wasserschäden und Mäusefraß zahlreiche Seiten dieser Chronik unlesbar gemacht, so daß Fragen nach dem Sinn und Zweck dieser V. genannten Gruppe oder Gruppierung nur mit äußerster Vorsicht zu beantworten sind. (Eine kritische Edition und Rekonstruktion des Dokuments wird derzeit vorbereitet.)
Generell kann vermutet werden, daß sich hinter dem Namen V. eine männerbündische Organisation verbarg, die sich bei wöchentlichen, rituellen Treffen (¬ Mittwoch) ihres Zusammenhalts versicherte. Dabei spielte eine Lederkugel (¬ Ball) eine offenbar nicht unwichtige Rolle. Ihrer Funktion nach muß sie als libidinös besetztes Kultobjekt gelten, da alle Aktivitäten der Gruppierung auf sie fixiert waren. Die Verehrung dieses Objekts soll sogar gelegentlich orgiastische Formen angenommen haben. Die in der älteren Forschung aufgestellte Behauptung, daß es sich deswegen bei V. um eine neu-heidnische Geheimgesellschaft mit magisch-erotischen Praktikten gehandelt habe, muß jedoch als reine Spekulation abgetan werden.

Wind & Wetter

Verliertnix-Fußballspiele sind immer und unter allen Bedingungen durchgeführt worden. Egal, ob man das Thermometer nur mit Handschuhen anfassen konnte (-20 Grad) und sich nach fünf Minuten so fühlte wie Professor Ambrosius im „Tanz der Vampire“: Augenbrauen und Schnurbarthaare konnten wie Miniatureiszapfen abgebrochen werden und die Nasenspitze ließ aufgrund ihrer Rötung intensiven und langandauernden Wodkakonsum vermuten. Oder ob man bei glühender Hitze und subtropischen Temperaturen sich durch Staubfontänen kämpfte, dem Verdursten nahe: gespielt wurde immer, egal, welches Wetter nun gerade zufällig herrschte.

Stand 16.7.2000