Buch 4 (2000)

buecher_cover_04Anpfiff

25 Jahre »Verliertnix«: Endlich widmen sich die Forscher dem Wesentlichen

Bisherige Versuche, das zu ergründen, was die »Seele des Fußballs« genannt wird, waren von unterschiedlicher Stringenz. Als theologisch-geometrisch lässt sich der Ansatz von Buchautor Dirk Schürmer begreifen: »Gott ist rund.« Psychologisch-selbstkritisch geht Ex-Keeper Toni Schumacher vor: »Ich bin ein Tor.« Dadaistisch-philosophisch kommt Trainer Giovanni Trappattoni daher: »Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding.« Und selbst der ganzheitliche Ansatz des Alten von der Bergstraße – leicht postmodernistisch kokettierend: »Der Ball ist rund« und »Jedes Spiel dauert neunzig Minuten« – verfängt nicht mehr im Zeitalter der Nachspielzeiten und des Golden Goals. Gewiss, das alles ist ganz nett. Aber was ist sie denn nun – die Seele des Fußballs?

buecher_bilder11_gErkenntnisse, die in dieser Hinsicht am Fußball Interessierte (also die eigentliche Menschheit) wirklich voran bringen, will dieses Buch anhand der unmöglichen Fußballmannschaft »Fußballgemeinschaft Verliertnix Marburg« liefern. Natürlich mit Einblicken in die Fanszene, Statistiken, vielen Fotos und noch mehr gutem Sport.Also, lieber Leser: Da müssen Sie durch!

„Es war einmal, es war keinmal“ – Bericht aus dem Inneren der Heimat

Die Dramen von Schicksal, Tragik und Liebe finden schon seit längerem nicht mehr auf den Bühnen deutscher Stadttheater statt, sondern ereignen sich auf dem grünen Rasen. Was ist selbst ein Shakespearscher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der buchstäblich letzten Minute?
Die „Fußballgemeinschaft Verliertnix“ aus Marburg bietet eine Gelegenheit, Fußball als kulturelles Phänomen zu beschreiben und dann vielleicht auch zu verstehen, warum es diese Gemeinschaft jetzt bereits seit einem Vierteljahrhundert gibt. Ein Bericht aus dem Inneren der Heimat, der mit einem Schnappschuss einsetzt, einem Kopfballtor…

Nasskaltes Wetter, tiefer, kräfteraubender Boden. Die immergleichen Fans, die sich fröstelnd am Rand des Spielfeldes zu wärmen versuchen, beginnen damit, ihre Sachen zusammenzusuchen. Vielleicht überlegen sie sich auch einige tröstende Worte für die „Verliertnix“-Kicker, die seit fast einer Stunde vergeblich gegen das gegnerische Tor anrennen, um wenigstens den Ausgleich noch erzielen zu können. Vielleicht kann es ja noch eine Verlängerung geben. Nur: wofür eigentlich? Es ging um den dritten oder vierten Platz im Marburger Turnier, ein wahrlich nicht allzu sehr faszinierendes sportliches (Groß)Ereignis. Und dennoch grätschten, rannten, flankten, köpften und kämpften die zweiundzwanzig Akteure, als gehe es um den WM-Titel.

Die letzte Aktion des Spiels: ein langer Ball auf den rechten Flügel, mehr mit dem Mut der Verzweiflung als mit spielerischer Rafinesse geschlagen, fast auf der Höhe der Eckfahne die Außenlinie überschreitend, er wird erlaufen, eine Flanke aus der Drehung, wunderschön segelt sie herein, dreht sich vom Tor weg, wird lang und länger, hängt, eine schwere Kugel, trotzig im fahlen Marburger Nachmittagshimmel. Aus dem Rückraum müsste einer kommen – und dann fliegt er heran, der Torjäger höchstpersönlich, und wuchtet die Kugel mit dem Kopf ins Netz. Ausgleich, Schlusspfiff und Verlängerung. Oder was? Jubel und Umarmungen – sofern sich die Spieler noch auf den Beinen halten können. Begeisterung darüber, das Unmögliche noch möglich gemacht zu haben – neidlos anerkannt auch von einem der Lieblingsgegner, „Schädelharrys Blutgrätsche“.

Und dann das Ungewöhnliche: alle Spieler waren der Auffassung, dieses tolle Spiel habe keinen Sieger verdient, sondern müsse einfach weiter als das Fest begangen werden, mit dessen Feier man in den letzten 90 Minuten eindrucksvoll begonnen habe. Kurzerhand wurden die Regeln außer Kraft gesetzt bzw. neu definiert: beide Mannschaften sahen sich als gleichberechtigte, würdige Sieger.

Das Bild verschwimmt, aber die Erinnerungen bleiben: „Verliertnix“ hatte seinem Namen einmal mehr alle Ehre gemacht. Wobei wir natürlich immer gewinnen wollten. Heutige Hobby-Kicker würden vielleicht pikiert „Über-Motivation“ bekritteln. Aber darin bestand (und besteht?) nicht das Geheimnis von Verliertnix: es stellten sich – egal, in welcher Besetzung das jeweilige Team nun auflief -einfach „good vibrations“ ein. Und diese gute Gefühl bleibt zurück, auch nach so vielen Jahren noch. Es war kein Zufallsprodukt, sondern man hat es mit dem jeweiligen Verliertnix-Trikot übergestreift, wie eine zweite Haut gleichsam. Und die passte. Aus der konnte man dann auch nicht mehr heraus…

Erinnert alles sehr an den ‚Geist von Spiez‘, ich weiß, aber beschreibt sehr gut, was denn so anders ist oder war an der „FSG Verliertnix Marburg“.